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Text von Kurt Tucholsky (alias Ignaz Wrobel)?
Die Herren Verjünger
Wie bekannt, geht durch die deutsche Industrie
alle Jahr irgend ein neues Schlagwort. Sie hat ihre Moden, die Industrie,
und da Kaufleute einen engen und kurzen Verstand zu haben pflegen, so schwätzt
das einer dem andern nach, und einer macht es dem andern nach, was man grade
so trägt: Rationalisierung ... Produktionssteigerung ... zur Zeit werfen
sie ihre Angestellten heraus und engagieren sich neue: im Babykostüm. Der
Betrieb muß verjüngt werden.
Die Angestellten, mäßig organisiert,
untereinander zerrissen, wehrlos und ohnmächtig, weil es noch Jahrzehnte
dauern wird, bis sie ihre Klassenlage voll erkannt haben und danach handeln
werden, die Angestellten protestieren und weisen mit Recht darauf hin, dass
es viele Positionen und vielerlei Arbeit gibt, wo der Zwanzigjährige
weniger leistet als der Vierzigjährige, und dass man nicht so schematisch
vorgehen könne ... vergeblich. Die Chefs und die »leitenden Angestellten«
hören nicht und verjüngen den Betrieb.
Wobei denn einmal gefragt werden soll:
Wer verjüngt eigentlich die Verjünger –?
Hat man schon einmal gehört, dass ein Chef, ein
Generaldirektor, ein Personalchef, einer von denen, die über die
Neueinstellung von Menschen verfügen, vor seinem achtundsechzigsten
Lebensjahr als zu alt bezeichnet wird? Nein, das hat man noch nie gehört.
Sie verjüngen den ganzen Betrieb von oben bis unten –
nur sich selber nehmen sie aus.
Das ist nicht nur egoistisch; es ist auch blöd.
Denn da Fünfzigjährige in ihrer Tätigkeit erfahrungsgemäß die Ideale
ihrer Jugend zu realisieren pflegen, so engagieren sich die Herren Verjünger
sehr häufig junge Greise, Leute, die charakterlos oder dümmlich genug
sind, verkalkten Idealen nachzukommen, jenem seit dreißig Jahren gehegten
Wunschtraum: »Wenn ich mal groß bin ... « und so feiert heute 1901 seine
fröhliche Auferstehung.
Gottergeben nimmt die Angestelltenschaft die
Urteilssprüche ihrer Ober- und Untergötter hin. Keiner fragt, wie der Gott
in den Tempel gekommen ist. Keiner fragt nach der Qualifikation, Gott ist
Gott ... da dürft ihr nicht murren. Und wenn jemand murrt, dann ist es nur
einer, der seinerseits gern angebetet werden möchte: ein verhinderter Gott.
Inzwischen verjüngen die Herren die deutsche
Wirtschaft, und wir sollen zusehen und nicht verzweifeln. Denn im nächsten
Jahr werden sie irgend ein andres Schlagwort mißverstehn, und einer wird
dem andern etwas Neues nachplappern. Gott segne das Schiff, auf dem diese
Industriekapitäne den Kurs angeben.
Ignaz Wrobel
Die Weltbühne, 25.11.1930, Nr. 48, S.
804, wieder in: Lerne Lachen.
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